
Eine Sache der Einstellung
Spa Summer Classic, ein klangvoller Name in der Motorsport-Szene. In diesem Jahr war es bereits die 18te Ausgabe der bei Fahrern und Fans äußerst beliebten Ardennen-Schlacht um Ruhm und Ehre auf vier Rädern. Gleichzeitig der europäische Saisonauftakt für alle Freunde des historischen Rennsports. Zu den vertretenen Serien zählten sowohl die FHR Historic Championship 81, als auch der Belcar Historic Cup, Belgiens höchste nationale Historic Meisterschaft. Bei beiden Serien hatte sich das Team Kompressol-Racing einiges ausgerechnet.
Zum Einen war da das lang erwartete Debüt des 1971er Ford Capri RS2600 LW, mit dem Marc Roessle und Hans Gerd Brauneiser um die deutsche historische Automobilmeisterschaft kämpfen wollten. Und auch der Ford Puma 16V von Simeon Roessle war wieder am Start, um die Herausforderung bei der Belcar Serie anzunehmen. Dazu wurden dort über den Winter extra diverse Technik-Updates (Bremse, Lenkung, Motorsteuerung, etc.) gezündet.
Das Ardennenwetter spielte ausnahmsweise mal mit und ließ Regenwolken gänzlich vermissen. Stattdessen Sonnenbrandgefahr und sommerliche Temperaturen.
Beginnen wir mit dem Capri. Es war ein langer und beschwerlicher Weg bis nach Spa für das Team Kompressol-Racing: Aufgrund von extremen Problemen in der Bauphase mit Zulieferern, imitierten chinesischen Teilen und anderen Querelen, wie sie in der Vergangenheit noch nie aufgetreten sind, konnte das Brauneiser-Renntechnik übliche Motto: „erst VGS-Prüfstand, dann eine Renndistanz in Probe absolvieren und zu guter Letzt erst zum Rennen“, nicht eingehalten werden.
So rollte der RS2600 LW zum Qualifying am Samstag morgen dann das allererste Mal über eine Rennstrecke. Doch die Jungfernfahrt verlief erstaunlich gut. Zu fett, zu mager, zu hart, zu weich. Oft sind es die Kleinigkeiten in der Abstimmung, die das schnelle vom langsamen Rennfahrzeug, oder gar das Erfolgreiche vom Defekten unterscheiden. Alles eine Sache der Einstellung.
Mit 20 Liter Sprit an Bord ging es daran, sämtliche Funktionen des Autos zu prüfen und gegebenenfalls nachzujustieren. Am Ende der Session war man sehr guter Dinge, hatte doch alles ohne größere Probleme funktioniert. So konnte man zuversichtlich ins Rennen am Sonntag starten, das über 90 Minuten inkl. Fahrerwechsel gehen sollte. Doch bereits in der Aufwärmrunde bemerkte Startfahrer Brauneiser ungewöhnliche Geräusche und Vibrationen, sowie Rauchentwicklung. Die waren doch im Training nicht da, oder? Nein, definitiv nicht. So musste er bereits beim Start die Box ansteuern, damit man der Sache auf den Grund gehen konnte. Was war passiert?
Nun, aufgrund der langen Renndistanz war der Tank des Capris diesmal komplett gefüllt mit über 100 Litern Sprit. Dadurch sackte das Auto hinten so stark ab, dass die Gelenkwelle (überträgt das Drehmoment vom Getriebe an die angetriebenen Räder bzw. das Differenzial) urplötzlich an den Unterboden des Fahrzeugs kam und dort permanent schliff. War natürlich im Training nicht gewesen, da ja der Tank nicht so voll war. Aber mit knapp 100 Kilo auf der Hinterachse hatte man nun ein echtes Problem. In Windeseile versuchte man eine Lösung zu finden, indem das höhenverstellbare Fahrwerk angepasst wurde um die Bodenfreiheit zu erhöhen. Mit vereinten Kräften schaffte man es, Brauneiser wieder auf die Reise zu schicken, der nun dem Feld hinterher hetzte.
Doch die Freude wahrte nur etwas über eine Runde lang, dann waren die Geräusche und Vibrationen wieder da. Und auch die Rauchentwicklung. Nur alles noch etwas stärker. Also wieder an die Box, nochmals am Fahrwerk gedreht. Aber diesmal war leider Endstation. Durch das Ganze auf und ab und die enorme Kompression in der Eau Rouge Kurve war die Gelenkwelle leider so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass an eine gefahrlose Weiterfahrt nicht mehr zu denken war. Aus und vorbei.
Eine herbe Enttäuschung für das Team Kompressol-Racing, die auf eine Verkettung äußerst unglücklicher Umstände zurückzuführen ist. Der wochenlange, immense Kraftakt wurde letztendlich leider nicht belohnt. Immerhin, die Erkenntnis dass das Auto ansonsten technisch funktioniert und sich laut Aussage von Hans Gerd Brauneiser absolut „affengeil“ fährt, nimmt man mit aus Spa.
Aber halt, da war doch noch was. Simeon Roessle und der Ford Puma. Richtig. Das zweite Eisen im Feuer von Kompressol-Racing startete bereits am Freitag zum Qualifying für den Belcar Historic Cup. Und wie. Bereits nach wenigen Runden hatte er seine bisherige persönliche Bestzeit der Vorjahre nicht nur egalisiert sondern um mehrere Sekunden getoppt. Und zwar um knapp 10 Sekunden. Eine beachtliche Steigerung, die Updates haben ihren Zweck voll und ganz erfüllt. Rang 28 von 46 Autos im Gesamt bescherte ihm einen sehr guten Startplatz im Mittelfeld. Die 1600ccm Nineties-Klasse führte er sowieso an, da sein letztjähriger Mitbewerber erst gar nicht angetreten war. Somit war er dieses Wochenende als Solostarter unterwegs.
Nun denn, Rennen 1 über 30 Minuten. Direkt vom Start weg legte Simeon Roessle ein gutes Tempo vor, duellierte sich minutenlang mit einem englischen Lotus Elan Piloten. Runde um Runde wechselten die Positionen. Und die Zeiten purzelten noch weiter, so wurde Roessle nochmal drei Sekunden schneller. Am Ende erreichte er den 24. Gesamtrang. Bravo.
Mit viel Selbstvertrauen und Euphorie fieberte man dem 2.Lauf am Sonntag entgegen. Doch erneut schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Nach einem Traumstart rollte der Puma eingangs der 3. Rennrunde plötzlich aus. Kein Vortrieb mehr. Eine Antriebswelle hatte den Geist aufgegeben und war abgeschert. Verdammt. So musste leider auch der zweite Roessle kampflos die Segel streichen und niedergeschlagen zusehen, wie das Rennen ohne ihn beendet wurde. Am Ende blieb der Klassensieg in Rennen 1 und die Erkenntnis, das auch der Ford Puma hervorragend funktioniert.
Nun heißt es Wunden lecken, weiter machen, alles wieder an den Start bringen. In einer Woche geht es schon für den Puma weiter in Zolder. Der Capri kommt erst im Juni, bei der Nürburgring-Classic, wieder zum Einsatz. Bis dahin werden mit Sicherheit alle Kinderkrankheiten aussortiert und auch das Brauneiser-Renntechnik Motto erfüllt sein.